Zeugniscode (versteckte Kritik)
„Er führte die ihm übertragenen Aufgaben aus."
Das entspricht der Note 5 (mangelhaft). Der Satz nennt keine einzige konkrete Aufgabe, kein Verantwortungsmass und keine Bewertung. Er sagt nur, dass ausgeführt wurde, was zugewiesen war — das absolute Minimum eines Arbeitsverhältnisses. In der Personalpraxis gilt eine so blasse Tätigkeitsbeschreibung als deutliche Abwertung.
Eine saubere Tätigkeitsbeschreibung nennt Aufgabe, Umfang und Verantwortung: „Er verantwortete eigenständig die Debitorenbuchhaltung von rund 400 Kundenkonten einschliesslich Mahnwesen und Kontenabstimmung." Verlange in der Korrekturbitte genau das — die Aufzählung deiner tatsächlichen Aufgaben —, nicht nur ein freundlicheres Adjektiv.

Warum diese Note?
Ein qualifiziertes Zeugnis muss die ausgeübte Tätigkeit nachvollziehbar beschreiben. Fehlt jede Konkretisierung, kann kein fremder Leser die Leistung einordnen — und genau diese Unmöglichkeit ist die codierte Aussage. Verstärkt wird sie durch die Passivkonstruktion „die ihm übertragenen": Sie stellt den Mitarbeiter als Empfänger dar, nie als Gestalter. Beides zusammen ergibt eine Beschreibung, die formal korrekt und inhaltlich leer ist.
Arbeitszeugnis entschlüsseln: die Notentabelle
So klingt Tätigkeitsbeschreibung (blass vs. konkret) auf jeder Notenstufe. Deine Formulierung ist hervorgehoben.
| Note | Typische Formulierung |
|---|---|
| Note 1sehr gut | „verantwortete eigenständig die Debitorenbuchhaltung von 400 Kundenkonten" |
| Note 2gut | „bearbeitete eigenverantwortlich die ihm zugewiesenen Fachaufgaben" |
| Note 3befriedigend | „war mit den Aufgaben der Sachbearbeitung betraut" |
| Note 4ausreichend | „wurde in verschiedenen Bereichen eingesetzt" |
| Note 5mangelhaft | „führte die ihm übertragenen Aufgaben aus"← diese Seite |
Wo steht dieser Satz im Zeugnis?
Diese Formulierung gehört in die Leistungsbeurteilung. So liest sie sich im Zusammenhang eines echten Arbeitszeugnisses:
Der Satz steht ganz vorn im Zeugnis, direkt nach der Einleitung mit Name, Position und Beschäftigungszeitraum — an der Stelle, an der eigentlich die Aufgabenliste folgen müsste. Weil Personaler Zeugnisse in dieser Reihenfolge lesen, ist er der erste inhaltliche Eindruck. Eine leere Aufgabenbeschreibung an dieser Position färbt auf alles ab, was danach kommt.
Wie sich diese Notenstufe von den übrigen unterscheidet, erklärt der Pflicht-Aufbau eines Arbeitszeugnisses im Überblick.
Deine Rechte — und was du konkret tun kannst
Hier fehlt nicht ein Verstärker, sondern ein gesetzlich geschuldeter Pflichtbestandteil. Das ist die stärkste Ausgangslage für eine Korrekturbitte:
- Bei „Er führte die ihm übertragenen Aufgaben aus." liegt die Bewertung im unteren Bereich (Note 5–6) oder es handelt sich um einen versteckten Geheimcode — die Formulierung weicht von der geschuldeten durchschnittlichen Bewertung nach unten ab.
- Nach § 109 Abs. 1 GewO kannst du verlangen, dass sich das Zeugnis auf Leistung und Verhalten erstreckt — und die Leistungsbeurteilung setzt eine Tätigkeitsbeschreibung voraus, die die ausgeübten Aufgaben tatsächlich benennt. Eine Formulierung, die nur „die übertragenen Aufgaben" nennt, erfüllt das nicht: Sie beschreibt nichts. Du kannst deshalb die Aufnahme deiner konkreten Aufgaben, deines Verantwortungsbereichs und der eingesetzten Systeme verlangen. Zusätzlich greift § 109 Abs. 2 GewO, weil die Leerstelle für fachkundige Leser eine Abwertung transportiert, die im Wortlaut nicht steht.
- Für die Aufnahme deiner tatsächlichen Aufgaben musst du keine überdurchschnittliche Leistung beweisen — es geht um die Vollständigkeit der Beschreibung, nicht um eine Note. Erst wenn du im selben Schreiben auch eine ausdrücklich bessere als durchschnittliche Bewertung verlangst, trägst du dafür die Darlegungs- und Beweislast (BAG, Urteil vom 18.11.2014 – 9 AZR 584/13).
Rechtsgrundlage: Der Anspruch auf ein qualifiziertes, wohlwollendes Zeugnis folgt aus § 109 GewO. Nach § 109 Abs. 2 GewO muss das Zeugnis klar formuliert sein und darf keine versteckten Merkmale (Geheimcodes) enthalten, die den Arbeitnehmer unzulässig herabsetzen.
Frist: Eine starre gesetzliche Ausschlussfrist gibt es nicht, ein Korrekturwunsch sollte aber zeitnah geäußert werden — je länger du wartest, desto eher kann der Anspruch verwirken. Zusätzlich können arbeits- oder tarifvertragliche Ausschlussfristen gelten. Was du auf Basis dieser Einordnung konkret tun kannst, vertieft ein schlechtes Zeugnis erkennen und anfechten.
Musterformulierung für deine Korrekturbitte
Text markieren, kopieren, [Klammern] ergänzen:
Sehr geehrte Damen und Herren, in meinem Arbeitszeugnis vom [Datum des Zeugnisses] heißt es wörtlich: „Er führte die ihm übertragenen Aufgaben aus." Ich bitte Sie, diese Beurteilung durch eine wohlwollendere, in der Zeugnispraxis übliche Formulierung zu ersetzen, zum Beispiel: „verantwortete eigenständig die Debitorenbuchhaltung von 400 Kundenkonten" Bitte stellen Sie mir das korrigierte Zeugnis bis zum [Datum] zu. Mit freundlichen Grüßen [Name]
Dies ist eine allgemeine Information zur Zeugnissprache und Rechtslage, keine Rechtsberatung im Einzelfall.
Häufige Verwechslungen
✗ „Führte die ihm übertragenen Aufgaben aus" ist eine übliche Kurzform, weil der Arbeitgeber sich knapp fassen wollte.
✓ Die Tätigkeitsbeschreibung ist Pflichtbestandteil eines qualifizierten Zeugnisses; sie muss die Aufgaben so benennen, dass ein fremder Leser sie einordnen kann.
Ohne konkrete Aufgaben fehlt jeder Bewertung die Bezugsgrösse — die Lücke wirkt deshalb selbst wie eine Abwertung.
✗ „Übertragene Aufgaben" ist neutral, weil dort kein negatives Wort steht.
✓ Genau die Abwesenheit jeder Konkretisierung und jedes Verstärkers ist die Aussage.
Der Zeugniscode bewertet über Auslassung ebenso wie über Wortwahl.
✗ Das lässt sich später über den Lebenslauf ausgleichen.
✓ Der Lebenslauf ist deine Darstellung, das Zeugnis die des Arbeitgebers — Personaler gleichen beides gegeneinander ab.
Eine im Lebenslauf beschriebene Verantwortung, die das Zeugnis nicht bestätigt, erzeugt Rückfragen statt Vertrauen.
Mehrdeutig — auf den Kontext kommt es an
Diese Formulierung lässt mehr als eine seriöse Deutung zu. Welche zutrifft, zeigt erst das gesamte Zeugnis.
- 1Regelfall: Die Leere ist gewollt — der Arbeitgeber vermeidet jede Aussage, die als Lob gelesen werden könnte.
- 2Ausnahme: Bei sehr kurzen Beschäftigungszeiten oder Aushilfstätigkeiten verwenden manche Betriebe diese Kurzform ohne Wertungsabsicht. Der nächste Leser kann das nicht unterscheiden — die Ergänzung der Aufgaben ist deshalb auch dann sinnvoll.
Verwandte Formulierungen
„Er war stets bemüht, die ihm übertragenen Aufgaben zu unserer Zufriedenheit zu erledigen."
Note 5„Er erledigte die übertragenen Aufgaben im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit."
Note 5„Er erledigte alle Aufgaben im Rahmen seiner Fähigkeiten zu unserer Zufriedenheit."
Note 5„Seine Leistungen entsprachen unseren Erwartungen."
FAQ
Häufige Fragen
Antworten auf die meistgestellten Fragen — kurz und verständlich.
Welche Note bedeutet „führte die ihm übertragenen Aufgaben aus"?
Note 5 (mangelhaft). Der Satz nennt keine konkrete Aufgabe, kein Verantwortungsmass und keine Bewertung — er bestätigt nur das arbeitsvertragliche Minimum.
Muss die Tätigkeitsbeschreibung konkret sein?
Ja. Ein qualifiziertes Zeugnis erstreckt sich nach § 109 Abs. 1 GewO auf Leistung und Verhalten, und eine Leistungsbeurteilung setzt voraus, dass die ausgeübten Aufgaben überhaupt benannt sind. Eine Beschreibung ohne Inhalt erfüllt das nicht.
Was sollte ich in der Korrekturbitte konkret verlangen?
Die Aufnahme deiner tatsächlichen Aufgaben mit Umfang und Verantwortung — etwa Fachgebiet, Anzahl betreuter Vorgänge oder Kunden, eingesetzte Systeme und Vertretungsregelungen. Ein freundlicheres Adjektiv allein behebt die Leerstelle nicht.
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